Vom Genuss des Wartens

Vom Genuss des Wartens

Poetische Welt Blog Beitrag 13

Verzögerungsfreude in Zeiten der Ungeduld –
kann es so etwas überhaupt noch geben?

Tja, es muss immer schneller gehen,
alles und jeder ist sofort verfügbar,
Wünsche werden unmittelbar erfüllt,
zum Warten ist keine Zeit, schließlich
ist unser Leben durch und durch
optimiert.
Und last not least: Time ist Money.

Puuh, was soll man sagen, wenn
das Geld-Argument zuschlägt?
Nun, lassen wir das mal beiseite.
Ich denke gerne an das Gefühl
der Vorfreude, an das Kribbeln
im Körper, die positive Aufregung,
das Knistern in der Luft – ja, die
Spannung vor dem ersten Kuss.
Nicht für alles Geld der Welt möchte
ich diese Erinnerungen missen.
„Time“ mag „Money“ sein, aber
„Money“ ist nicht „Time“.

Vorfreude ist zudem auch noch gesund,
denn sie steigert die positiven Signale
im Kopf, was für die Ausschüttung allerlei
guter Stoffe im Organismus sorgt.
Um Vorfreude empfinden zu können,
müssen wir allerdings eine Ahnung vom
Guten haben, also wissen, dass uns
etwas Tolles erwartet. Und es sollte
im akzeptablen Rahmen eintreten,
ansonsten sind die Gesichter lang.    
Socken statt das brandneue Spiel?
Pfff … jeder kennt das.

Da wir aber nicht wissen, was auf
uns zukommt – eine Gunst des
Schicksals, wie ich meine – scheint
es schwer um die Vorfreude bestellt. 
Positiv-Denker sacken eine Menge
Enttäuschungen ein, Pessimisten
sind hingegen ständig schlecht drauf.  
Zugegeben, es ist nicht leicht – das
Ungewisse löst nun mal gemischte
Gefühle aus. Und Ungeduld.

Daher sollte man sich was von den Opti-
und Pessimisten abschauen:
Auf das Schöne warten, lohnt – deshalb
rate ich jedem, etwas Wunderbares zu
organisieren, etwa eine gute Flasche Wein
zu kaufen und sie erst an einem späteren
Zeitpunkt zu genießen. Nicht gleich
reinschütten. Ok?
Auch ein toller Urlaub kann immense
Vorfreude auslösen.
Vorfreude sollte allerdings ein offenes
Gefühl sein, keine Erwartung, die vorab
schon alles festmauert. Das geht nach
hinten los. Meistens jedenfalls.

Von negativen Erwartungen und Ungeduld
sollte man sich möglichst ganz verabschieden.
Die machen nur Stress, Angst und Ärger.
Manchmal habe ich sogar das Gefühl,
dass Befürchtungen öfters eintreten als
Träume, weil wir an Erstere mehr glauben.
ABER: Wer stets sein Bestes gibt,
souverän und ungezwungen, der wird
auch eine entsprechende Zukunft erleben.
Kommt’s wirklich unerwartet schlimm, was
im Leben leider dazugehört, dann muss
man da durch – und kann seine guten
Erinnerungen nutzen, um sich in der Krise
mit eigener Kraft zu helfen.
Erinnerungen beispielsweise an die letzte
Vorfreude, die man sich selbst beschert hat.

Oliver W. Schwarzmann